Depression, Burnout, Verzweiflung: Durchschnittlich 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland jährlich das Leben. Diese Sonderform des Ablebens beschäftigt auch die Versicherer. Zahlt die Risikolebensversicherung normalerweise im Todesfall eine Prämie an die Hinterbliebenen aus, so hat sie hier einen Haken: Die Selbstmordklausel.

Die Schweiz ist ein gutes Beispiel für die Theorie, dass Menschen häufiger den Freitod wählen, wenn sie ihre Familie abgesichert wissen. Hier ist die Suizidrate unter Menschen mit Risikolebensversicherung fast doppelt so hoch, wie bei Menschen ohne Versicherung.

Um Versicherungen davor zu schützen, das Selbstmordgefährdete reihenweise Lebensversicherungen abschließen, und auch, um ihnen nicht noch einen weiteren lohnenden Grund für einen Suizid zu geben, haben Versicherer angefangen die Selbstmordklausel in ihre Verträge zu integrieren.

Die Selbstmordklausel – kein Geld für Hinterbliebene

Strengere Richtlinien wurden festgehalten, um Betrug entgegenzuwirkenDie meisten Versicherer sind sich einig: Sie regeln in ihren Bedingungen eindeutig, dass im Falle eines Selbstmordes die Versicherungssumme nicht ausgezahlt wird. Dieser Sperrzeit gilt im Schnitt drei Jahre nach Vertragsabschluss, in einzelnen Fällen auch fünf Jahre.

Nimmt sich der Versicherungsnehmer also binnen der ersten drei bis fünf Jahre nach Vertragsabschluss das Leben, erhalten seine Angehörigen keine Versicherungsprämie.

Lediglich der Rückkaufwert der Lebensversicherung muss an die Hinterbliebenen überwiesen werden. Enthalten sind hier die Beiträge, die bis zum Todeszeitpunkt eingezahlt wurden, abzüglich aller angefallener Kosten.

Allerdings gibt es eine Ausnahme in der Selbstmordklausel: Wurde der Freitod in einem Zustand gewählt, der die „Geistestätigkeit“ immens gestört hat, besteht Leistungspflicht durch die Versicherung.

Beispiel hierfür können Psychosen sein, die durch Drogenmissbrauch einsetzen oder Gehirnerkrankungen, die die Geistesfähigkeit einschränken. Daher ist für eine einwandfreie Absicherung eine positive Gesundheitsprüfung vorab Pflicht. Bei dieser Gesundheitsprüfung ist es unbedingt notwendig, alle Fragen ehrlich zu beantworten. Wird beispielsweise eine Vorerkrankung, wie eine Depression, verschwiegen, kann die Versicherung später eine Leistung verweigern, falls es zum Tod durch Suizid kommt. Dies gilt auch, wenn die Frist der Selbstmordklausel bereits abgelaufen ist.

Desillusioniert vom vertrauensvollen Umgang mit Versicherten

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstand die erste Lebensversicherung nach heutigem Verständnis. 1583 wurde in London das Leben von „William Gybbon“ versichert. Diese Lebensversicherung hatte eine Laufzeit von einem Jahr. Allerdings weigerte sich die Versicherung die vereinbarte Summe auszuzahlen, als Gybbons 364 Tage später verstarb.

sad-boy-2Diese frühen Formen der Lebensversicherungen wurden meist zwischen Geschäftsleuten oder Handwerkern abgeschlossen, deren Geschäfte auf Vertrauen und positiver Reputation basierten. Man kannte sich also und ging davon aus, dass das Gegenüber vertrauenswürdig war. Dies änderte sich, als Anfang des 18. Jahrhunderts massenhaft Versicherungen gegen Feuer und Tod aufkamen.

Tausende Versicherungen wurden abgeschlossen, wodurch es unmöglich wurde, jeden Versicherten und dessen Reputation persönlich zu kennen. Schnell wurde deutlich: Menschen, die bereits krank waren, schlossen eher Lebensversicherungen ab und es wurde betrogen, wo es nur ging.

Darauf reagierten die Versicherungen wiederum, indem sie begannen ausführliche Gesundheitsprüfungen durchzuführen, das Umfeld des Versicherungsnehmers zu prüfen und die Auszahlungsbedingungen zu verschärfen. So setzten sich die ersten Suizidklauseln durch.

Kein Geld bei Tod durch die eigene Hand, Duell oder Hinrichtung!
So enthielten die Standardvertragsbedingungen der 1823 gegründeten Massachusetts Hospital Life Insurance Company folgenden Passus: „…in case he shall die by his own hand, in, or in consequence of a duel, or by the hands of justice, […], this Policy shall be void, null, and of no effect.“

Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Schon im 18. Jahrhundert mussten sich die Versicherungen Strategien gegen Versicherungsbetrug einfallen lassen. Die Selbstmordklausel ist eine davon.

Der Name klingt zwar makaber, doch die Selbstmordklausel dient sowohl dem Schutz des Versicherungsunternehmens, als auch dem Schutz des Versicherten. Sie wirkt der Verlockung entgegen, die Hinterbliebenen mit einer Risikolebensversicherung finanziell abzusichern, um sich dann – guten Gewissens – das Leben zu nehmen.